Jugendliche

Ich will meinem Stern folgen

Das Verhältnis zwischen Eltern und Kind ist geprägt durch steten Wandel. Welch eine gewaltige Entwicklung vollzieht sich äußerlich und innerlich von der Geburt eines Kindes bis es als Erwachsener das Haus verläßt! Wenn wir als Erwachsene diese Entwicklung des Kindes nicht mitvollziehen und unsere Beziehung zu ihm nicht stetig zu verwandeln bereit sind, wird sie irgendwann unter gegegseitigen Schmerzen zerbrechen.

Gerade das Jugendalter ist eine harte Bewährungsprobe dieser Wandlungsfähigkeit. Der jugendliche Mensch muß sich abgrenzen, absetzen, verabschieden von allem Bisherigen, um seine eigene Identität, sein eigenes Verhältnis zur Welt und den Mitmenschen zu finden. Er entwächst der Kindheit, der Familie. Er findet sich innerlich einsam und zutiefst verunsichert (lassen wir uns nicht täuschen von gegenteiligem Gehabe) in der Welt: nicht mehr als ein Teil einer Familie, einer Klasse, einer Gruppe erlebt er sich als Einzelner, der von allem und allen außer ihm getrennt ist und eine neue Verbindung erst wieder suchen und herstellen muß. Er spürt, es gibt keinen Weg zurück in die kindliche Verbundenheit. Der Abschied ist unvermeidlich, sehr schmerzhaft und wird meist unter demonstrativ selbstbewußtem, abweisenden Gebaren verborgen.

Für uns Eltern ist es eine Zeit des Loslassen-Lernens, des Verstehen-Lernens, des Freilassens und des dennoch wachen und treuen inneren Begleitens des Vertrauens in die Persönlichkeit des jungen Menschen. Auf unsere Fähigkeit, das Kind als Ich wahrzunehmen, wo es sich selber noch verschlossen ist, ist der Jugendliche in besonderem Masse angewiesen. Diese Fähigkeit kann man lernen und üben.

Alles, was Kinder brauchen,
wenn sie die Eltern nicht mehr brauchen,
ist Vertrauen in ihre eigenen Kräfte,
ein freundliches Öffnen der Hände, die bis dahin gehalten und geführt haben,
ein liebevolles Adieu, mein Kind!

Angela Waiblinger